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Vorwort

 

 

 

 

Vielleicht ist der Hexenglaube die älteste Religion der westlichen Welt.

Sicher ist, dass ihre Ursprünge bis zu den ersten Menschen zurückreichen, also weit älter sind als alle heutigen Weltreligionen. Ihre Strukturen und Glaubensregeln richten sich nach keinen Büchern und Dogmen, sondern stehen in ihrem Geiste den Traditionen der amerikanischen Ureinwohner und den Schamanen der Arktis näher. Der Hexenglaube bezieht seinen Lehren aus der Natur und erfährt seine tiefen Eingebungen aus den unendlichen Bewegungen von Sonne, Mond und Sterne, aus den Zugbewegung der Vögel und dem Stirb und Werde alles Lebendigen. Die Legende beschreibt den Anfang des Hexenglaubens mit dem Einsetzen der Eiszeit in Europa vor rund 35 000 Jahren. Damals sanken die Temperaturen und die riesigen Eismassen, die durch ihre machtvolle Bewegung Geröll und Steine vor sich auftürmten, schoben sich Richtung Süden. Von den Bewohnern der oft kargen Landschaften war außerordentliches Geschick gefordert, um zu überleben. Nur wer im absoluten Gleichklang mit der Natur stand, konnte in ihr überleben. Ein magisches Spiel zwischen Naturbeherrschung und Naturbeobachtung setzte den Grundstein zum Hexenglauben. Die Geschicktesten unter den Völkern, die die Tiere in Höhlen locken konnten, die die Kraft gewisser Pflanzen erkannten und die den Lauf des Mondes und seiner schwellenden und schwindenden Kraft erkennen konnten, wurden zu den Sehern der kleinen Gemeinschaft. All diese Fähigkeiten wurden von den Urvölkern keineswegs intellektuell bewertet, sondern galten als besondere Gabe, mit der Urgöttin, die Bewahrerin alles Lebendigen und der Beschützerin vor dem Tod, umzugehen. Durch den Einklang mit der Natur entstand eine Art Spiritualität. Rituelle Handlungen und Symbole wurden dazu benutzt, in andere Wahrnehmungszustände zu kommen, um der Natur und ihren Mysterien näher zu sein. Das „Unsagbare“ bekam einen Namen: die Göttin. Sie beherrscht nicht die Welt – sie war die Welt, Mond, Mensch, Sonne, Strom und Samen in einem. Das Weibliche ist der Glaubensmittelpunkt und damit auch alle urweiblichen Eigenschaften wie Fruchtbarkeit, Sexualität, Geburtshilfe, sowie heilende und pflegende Kräfte. Alle diese Eigenschaften wurden später den Frauen zur Zeit der großen Hexenverfolgung zum Verhängnis. Hatte man diese uralte Wissen und diese tiefe Naturverständnis in der Antike und in den Anfängen der Christianisierung noch positiv bewertet und benutzt, so wurde einer stark männlich dominierten Religion und ihren Vertretern dieses Urwissen unheimlich. Dieser durch die Menschheitsgeschichte gewachsene Hexenglauben, der über Jahrhunderte seine Berechtigung und seine zentrale Stellung innerhalb einer Gemeinschaft hatte, wurde plötzlich zum größten Feindbild: Weiblichkeit, Sexualität und rituelle Fähigkeiten, die durch kein Buch vermittelt werden konnte, sondern nur durch mündliche Weitergabe, hatten einer der größten Massenmorde der Neuzeit zur Folge. Der ursprünglich so poetische Naturglaube, der zunächst das Weibliche, die Göttin, zum Mittelpunkt hatte und somit das Weltbild ganzer Generationen von Völkern prägte, wurde auf grausame Weise von einem theologischen und ausschließlich männlichen Gaubensystem abgelöst, das keine Nebenreligion duldete. Dabei kann so manches Übersinnliche und Geheimnisvolle der Hexen wissenschaftlich erklärt werden. Die unendliche Achtung vor der Natur verstärkte den Glauben, dass alle Handlungen der Liebe und Lust eine Huldigung an das Leben sind. Aus dieser Liebesgläubigkeit entstand der Mythos des Liebeszaubers, den viele Hexen beherrschten. Die Fähigkeit der Hexen, Beziehungen in ihrer psychologischen und sozialen Bedeutung zu sehen, wurde allen Frauen während der Hexenverfolgung zum Verhängnis. Sexuelle und erotische Kräfte waren Inbegriff des Teufelspaktes und stellten eine Gefahr der männlichen Souveränität dar. Weiblichkeit wurde zum Staatsfeind. Erst in der Aufklärung nahm das ziellose Morden ein Ende, allerdings ließ dann eine Vernunftbetonte, geistige Grundhaltung über lange Zeit keine spirituelle Auslegung der Welt mehr zu. Der Hexenglaube und die Furcht davor waren aus dem öffentlichen Leben verschwunden, aber im Untergrund immer vorhanden. Mit den Märchen der Gebrüder Grimm erschien die Hexe dann in der Literatur und erhielt dort ihre karikaturhaften Züge, die man auch heute noch gerne mit dem Begriff verbindet. Erst mit einem zunehmenden Wissen über frühere Völker, das durch die Ausgrabungen des 19. und angehenden 20. Jahrhunderts entstand, durch die Erfahrungen mit Psychologie und Parawissenschaften wuchs ein neues Interesse am Hexenglauben. Hinzu kamen ein neues erwachendes Selbstbewusstsein der Frauen und ein Bedürfnis nach einer weiblichen Spiritualität. Emanzipation, ökologisches Bewusstsein und eine neue Hinwendung zur Natur schufen in jüngerer Zeit neue Hexenzirkel und die Esoterik entdeckte die alten schamanischen Kräfte, die in einer Auseinandersetzung mit dem Hexenmythen entstehen können, wieder. Tatsächlich ist das Bedürfnis des Menschen, übersinnliche Kräfte zu erkennen, zu spüren zu erzeugen, ungebrochen, ja wächst zunehmend in einer Welt, die von Technologie und Rationalität geprägt ist. Die Aktualität alter Heilmethoden, von der Chinesischen Medizin bis zum Ayurveda, von den Weisheiten einer Hildegard von Bingen über neue wissenschaftliche Ergebnisse bis zu den Heilkräften der Natur, hat einem neuen Hexenverständnis Vorschub geleistet. Die positiven Kräfte dieser weiblichen Urreligion  können uns viele neue Einblicke in das Zusammenleben früherer Völker und Gemeinschaften geben, dürften aber auch eine hochaktuelle Hilfe sein im neuen Selbstverständnis der Geschlechter und im Umgang mit „über“ sinnlichen Fähigkeiten. Hexe ist ein Begriff mit vielen Gesichtern, zum einen Heilerin und Seherin, auf der anderen Seite Dämon Verderberin, spirituelle und körperlich, erotisch und metaphysisch und vor allem so alt wie die Menschheit selbst.

 

 

Claire Singer

 

Quelle: Das große Buch der Hexen

 

 

 

 

 

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